Der Fall Amanda Knox – Eine Fallstudie

Der vielleicht größte Justizskandal des noch jungen 21. Jahrhunderts

Amanda Knox - Schlagzeilen
Schlagzeilen der britischen Presse zum Freispruch von Amanda Knox am 3. Oktober 2011

Der Fall Amanda Knox – Eine Fallstudie: Wenn Historiker auf Justizirrtümer zurückblicken, dann stechen einige besonders hervor und das aus mehreren Gründen. Um mit dem Offensichtlichen zu beginnen: Eine Aneinanderreihung von erstaunlichen Fehleinschätzungen führt zur Verurteilung Unschuldiger. Begleitet werden solche Justizirrtümer stets von teilnahms- oder rücksichtslosen Medien sowie von der Sensationsgier und einer gewissen Schadenfreude der Bevölkerung. Sie entwickeln auch außerhalb des eigentlichen Gerichtsverfahrens eine Eigendynamik, privat und öffentlich werden die eigenen Meinungen ausgetauscht. Solche Fälle bekommen Symbolcharakter und werden beispielhaft für die in den Medien stattfindende Vorverurteilung der Beschuldigten. Der Ruf der Öffentlichkeit nach Bestrafung wächst, Justizverantwortliche geben dem Druck nach, verschanzen sich hinter Paragraphen und rechtfertigen die Verurteilung so irrational diese auch sein mag.

1894 wurde Armeeoffizier Alfred Dreyfus in Frankreich wegen Spionage verurteilt. Es brauchte 11 Jahre um die Affäre aufzuklären und abzuschließen, sie führte zu beträchtlichen Verwerfungen innerhalb der französischen Gesellschaft. Dreyfus wurde rehabilitiert, befördert nahm er den Dienst in der Armee wieder auf. Die „Dreyfus Affäre“ steht synonym für einen vielschichtigen Justizskandal, bei dem die Medien und öffentliche Vorverurteilungen eine große Rolle spielten.

1980 wurde in Australien ein Baby, Azaria Chamberlain, von Dingos geschnappt und getötet. Die Mutter des Kindes, Lindy Chamberlain, wurde verhaftet, wegen Mordes angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Acht Jahre später hob der „Northern Territory Court of Criminal Appeals“ das Urteil einstimmig auf, sie wurde entlassen und es wurden ihr 1.5 Millionen Dollar Haftentschädigung zugesprochen. Allerdings dauerte es noch mehr als dreißig Jahre, bis 2012 eine vierte Untersuchung den Tod Azarias durch eine Attacke von Wildhunden bestätigte. Der „Dingo-Baby“-Fall wurde so zum weltweit bekanntesten Kriminalfall Australiens. Auch hier spielten die Vorverurteilung in den Medien und die darauf gründende öffentliche Meinung eine wesentliche Rolle.

Menschen machen Fehler und so unbequem diese Vorstellung auch sein mag: Ja, auch Gerichte und Richter machen Fehler.

Nun zum Fall Meredith Kercher, die am 1. November 2007 in der italienischen Stadt Perugia ermordet wurde. Die Tat wird Amanda Knox und Raffaele Sollecito angelastet und beide stehen einer weltweiten Medienhetze gegenüber, ähnlich wie Dreyfus und Chamberlain zu deren Zeiten. Wer sich bemüht genauer hinzuschauen erkennt die gleichen Muster: wie in den Fällen Dreyfus und Chamberlain führten fehlerhafte Ermittlungen und allzu voreilige Schlüsse zu einer medialen Vorverurteilung von Amanda Knox und Raffaele Sollecito. Dabei war der eigentliche Mörder von Meredith Kercher mit Rudy Guede recht schnell gefunden. Er gesteht zum fraglichen Zeitpunkt am Tatort gewesen zu sein und es fanden sich zahlreiche Spuren von ihm dort wo er offensichtlich nichts verloren hatte. Er kannte Meredith Kercher kaum und dennoch fand man seine DNA in der Scheide des Opfers und Spermaspuren zwischen ihren Beinen auf einem Kissen. Ein solch geradezu eindeutiger Fall ist normalerweise eher die Ausnahme.

Warum um Himmels Willen sollte das Justizsystem einer westlichen Demokratie zusätzlich zwei Unschuldige belangen und verurteilen obwohl sie ein Alibi hatten und es keine brauchbaren Beweise ihrer Anwesenheit am Tatort gab?

Willkommen in der italienischen Version von „Alice im Wunderland“, einer Kombination polizeilicher Inkompetenz, staatsanwaltlicher Boshaftigkeit und richterlich verordneter Schadensbegrenzung die dazu führte, dass die Verfolgung zweier unschuldiger Studenten und deren Familien, erst sieben Jahre nach dem Mord – zumindest juristisch – beendet wurde.

Rudy Guede sagt:
Rudy Guede, 19. November 2007: “Amanda hat nichts damit zu tun […] weil, ich kämpte mit einem Mann und sie war nicht da.”

Das Recht eines jeden Angeklagten seinen Anklägern gegenüberzutreten ist eines der Grundprinzipien eines jeden fairen Verfahrens. Es ist das Herzstück der europäischen Menschenrechtskonvention. Rudy Guede wurde in einem getrennten Schnellverfahren verurteilt. In diesem Verfahren wurden allerdings auch Tatbestände verhandelt und festgestellt, die Amanda Knox und Raffaele Sollecito betrafen. Ihren Anwälten wurde aber das Recht verwehrt gegen die juristische Feststellung dieser „Tatsachen“ rechtlich vorzugehen. So musste Rudy Guede bis zum heutigen Tag seine Anschuldigung, Amanda Knox und Raffaele Sollecito hätten Meredith Kercher ermordet vor Gericht nicht konkretisieren. Die in seinem Verfahren festgestellten Tatsachen allerdings wurden vom Kassationsgericht, dem obersten Gericht Italiens, bestätigt und zur “juristischen Wahrheit“ erklärt. Im März 2013 spielten diese “juristischen Wahrheiten“ eine wesentliche Rolle bei der Begründung der Aufhebung der Freisprüche von Amanda Knox und Raffaele Sollecito.

Raffaele Sollecitos Anwältin Giulia Bongiorno sagte, dies wäre das erste Mal, dass zwei Personen für ein Verbrechen verurteilt wurden, obwohl es keinerlei Beweise für ihre Anwesenheit am Tatort gibt; sein Anwalt Luca Maori fügt hinzu: „In den meisten westlichen Ländern liegt die Beweislast bei der Staatsanwaltschaft, es kann nicht andersherum sein. Es ist nicht an den Angeklagten, ihre Unschuld zu beweisen. In diesem Fall aber waren wir es, die unsere Unschuld gegen nicht existierende Beweise beweisen mussten.“

Die immer neuen Wendungen in diesem Fall halten die Leser der Boulevardpresse in drei Ländern in Atem. Die britische „Daily Mail“ zum Beispiel ist so besessen von Amanda Knox, dass sie Fotografen bezahlt um sie in Seattle zu verfolgen und Bilder zu veröffentlichen, die Amanda Knox bei so banalen Dingen, wie Teetrinken, Fahrradfahren oder im Gespräch mit Freunden zeigen. Selten wurde das Leben einer unschuldigen Person so unerbittlich und unermüdlich ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt.

Aber Print- und Onlinemedien sind nur ein Teil der Geschichte. Die Verfahren gegen Amanda Knox und Raffaele Sollecito machen deutlich, dass auch das Internet zu einem Medium des Hasses werden kann. Die Anonymität des Internets erlaubt es einer ganzen Armee von Internet-Trollen Amanda Knox und Raffaele Sollecito pausen- und gnadenlos anzugreifen. Es wurden Internetseiten eingerichtet, deren einziger Zweck es ist, unter dem Deckmantel von „Wahrheit und Gerechtigkeit für Meredih Kercher“, selbst längst widerlegte Lügen und Mythen über den Fall und Amanda Knox und Raffaele Sollecito zu verbreiten und gebetsmühlenartig zu wiederholen.

Die Absicht dieser Trolle ist es ihre Lügen immer wieder zu wiederholen und auszuschmücken, bis von dem Dreck mit dem sie um sich werfen etwas hängen bleibt und Menschen beginnen diese Lügen zu glauben. Sie hoffen, damit eine endgültige Anerkennung der Unschuld von Amanda Knox und Raffael Sollecito auch und gerade durch die Medien zu verhindern.

Die so genannten „Beweise“ gegen Knox und Sollecito gehören wohl zu dem Absurdesten und Lächerlichsten, das je einem Gericht vorgelegt wurde. Es ist eine Schande, dass über ihre Beweiskraft überhaupt diskutiert wird.

In Meredith Kerchers Zimmer wurden keine Spuren von Amanda Knox und Raffaele Sollecito gefunden. Die beiden Dinge, die sie scheinbar mit dem Mord in Verbindung bringen – das Messer und der BH-Verschluss – sind wissenschaftlich gesehen wertlos und machen logisch betrachtet keinen Sinn. Kein ehrlicher Staatsanwalt hätte es gewagt sie als Beweise vor Gericht zu benutzen. In diesem Fall allerdings wollte die Staatsanwaltschaft eine Verurteilung um jeden Preis. Die Liste der von der Staatsanwaltschaft und der Polizei begangenen Rechtsverletzungen ist so lang, dass eine Petition ins Leben gerufen wurde, die eine gründliche Untersuchung dieser Verfehlungen fordert.

Patrizia Stefanoni, die mit den DNA-Untersuchungen betraute Ermittlerin hat nachweislich Unterlagen gefälscht und, was das Messer angeht vor Gericht gelogen. Der BH-Verschluss wurde durch ihre unsachgemäße Lagerung zerstört. Entlastende Ergebnisse, wie die der negativen Bluttests der mit Luminol gefundenen Spuren wurden bis zur Mitte des ersten Verfahrens zurückgehalten. Weitere hundert DNA-Profile aus Spuren vom Tatort werden bis heute vorenthalten.

Als all dies vor Gericht zur Sprache kam, wurde es von den anwesenden Journalisten zum größten Teil ignoriert. Jede einzelne Verfehlung Stefanonis hätte schon das Ende des Verfahrens bedeuten und zur Entlassung der Angeklagten aus der Haft führen müssen. Mehr noch, eine Untersuchung ihrer Laborarbeit und deren Ergebnisse, und die Beantwortung der Frage, ob sie diese Ergebnisse bewusst verfälscht hat um der Staatsanwaltschaft belastendes Material zu liefern, hätte die logische Konsequenz sein müssen. Eine solche Untersuchung und der damit zusammenhängende Vertrauensverlust, hätte das Potential dazu zu führen, dass jeder Fall, an dem sie gearbeitet hat neu aufgerollt werden müsste.

Antonio Curatolo: Der Hauptbelastungszeuge
Antonio Curatolo: Der Hauptbelastungszeuge

Die forensischen Beweise in diesem Fall sind ein schlechter Witz und die von der Staatsanwaltschaft berufenen „Zeugen“ sind bei weitem nicht besser. Die Hauptbelastungszeugen waren ein drogenabhängiger Obdachloser (Curatolo) und ein nicht minder unglaubwürdiger Wichtigtuer (Quintavalle). Nicht nur machten beide widersprüchliche Angaben, auch ihr Auffinden durch einen Reporter, nicht etwa durch die Polizei, wirft weitere Fragen bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit als Zeugen auf.

Im Zuge der Ermittlungen in diesem Fall wurden mehrere tausend Telefongespräche sowie sämtliche Gespräche während der Besuchszeiten im Gefängnis abgehört, aufgezeichnet, transkribiert und übersetzt. Es fällt schwer zu glauben, dass die Befragungen der Nacht vom 5. auf den 6. November 2007, nicht auch aufgezeichnet wurden.

Diese Internetseite wurde von Leuten erstellt, die sich weigerten, tatenlos zuzusehen, wie zwei unschuldige junge Menschen als Sündenböcke für die Verfehlungen der italienischen Polizei, Spurensicherung und Justiz herhalten mussten.

Die Familie von Meredith Kercher hat Besseres als diesen Zirkus verdient. Wo eine ruhige und besonnene Ermittlung angebracht gewesen wäre, führte der Druck der Medien zu vorzeitigen und unbegründeten Verhaftungen. Diese wiederum brachten eine Medienlawine ins Rollen, die bis heute nichts mit objektivem Journalismus zu tun hat.

Die Dreyfus Affäre hat Frankreich geschockt, der Fall Lindy Chamberlain Australien. Der Fall Amanda Knox ist ein schwarzer Fleck auf der Weste Italiens und die Art und Weise, wie besonders die britischen Medien über den Fall berichtet haben und berichten ist eine Schande.

Der größte Justizskandal des 21. Jahrhunderts ist juristisch größtenteils abgeschlossen. Die Wahrheit allerdings kann und darf nicht im Dunkeln bleiben. Diese Seiten wurden erstellt um sie ans Licht zu bringen.

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